Die neuen Arbeitswelten – ein Déja vu?

Jörg Flecker

Die Arbeitswelt ist zumindest in Kontinentaleuropa in unseren Vorstellungen von Organisationsmustern geprägt, die heute in der Realität nur noch eingeschränkt Gültigkeit haben: bürokratische Großorganisationen fordern die Ausführung vorbestimmter Aufgaben und bieten Beschäftigungssicherheit und Aufstiegschancen; Erwerbsarbeit bedeutet in der Regel ein dauerhaftes Dienstverhältnis; Arbeit ist betriebsförmig organisiert, wobei Betrieb und Arbeitgeber übereinstimmen; wichtige Arbeitsbedingungen wie Löhne und Arbeitszeiten werden auf überbetrieblicher Ebene einheitlich festgelegt; Arbeit sichert den Lebensunterhalt und soziale Absicherung über die Beschäftigung hinaus.

Viele dieser Bedingungen sind keineswegs mehr selbstverständlich, manche Organisationsmuster sind offensichtlich in Auflösung begriffen. Seit längerem befassen sich Wissenschaft und Politik daher mit der Frage, was nun an deren Stelle tritt oder treten soll. Wegen der empirischen Unübersichtlichkeit und der Vielfalt und Widersprüchlichkeit der Trends waren die bisherigen Versuche der Beschreibung der neuen Arbeitswelt nicht allzu erfolgreich. Vielfach wurden einzelne neue Arbeitsweisen oder Entwicklungen in Teilbereichen zur Zukunft der Arbeit schlechthin stilisiert. Auf diese großen Entwürfe und gewagten Verallgemeinerungen folgten freilich rasch Gegenargumente und empirische Relativierungen. Differenzierte Analysen zeigen daher, dass Grundmuster wie die klassische Arbeitgeber-Arbeitnehmer-Beziehung, die betriebliche Herrschaft oder die bürokratische Großorganisation keineswegs aus der Arbeitswelt verschwinden, wohl aber ihre Form verändern.

Es gibt einseitige Erklärungen für den Wandel der Arbeitswelt, die den Umbruch allein der 'Globalisierung' oder den neuen 'Informations- und Kommunikationstechnologien' zuschreiben. Problematisch daran ist nicht nur die überzogene Vereinfachung, sondern auch die behauptete Unausweichlichkeit der Entwicklung, die keinen Gestaltungsspielraum für politisches Handeln mehr lässt. Es kann jedoch nicht geleugnet werden, dass die Globalisierung der Finanzmärkte und der intensivierte internationale Wettbewerb einerseits und die rasche Verbreitung neuer Technologien im Bereich der Informationsverarbeitung und der Telekommunikation andererseits den Charakter vieler Arbeitsplätze und die Stabilität der Arbeitsbeziehungen massiv verändert haben. Unsere Erfahrung zeigt, dass die tatsächlichen Wirkungen auf die Arbeit nicht aus technologischen oder ökonomischen Entwicklungen geschlossen, sondern im einzelnen in den verschiedenen Arbeitsfeldern analysiert werden müssen.

Bei genauerer Betrachtung der aktuellen Trends wird eines schnell klar: Die neue Arbeitswelt gibt es nicht. Ein entscheidender Strukturwandel der letzten beiden Jahrzehnte führte gerade zu einer größeren Vielfalt an Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen und zu einer Polarisierung der Erwerbs- und Lebenschancen. Die neuen Arbeitswelten driften also auseinander. Zugleich wird man bei der Analyse immer wieder von déjà vu-Erlebnissen heimgesucht: Weder in der Arbeitwelt selbst, noch in der wissenschaftlichen Diskussion darüber ist alles so neu, wie es scheint. So stellen sich manche Arbeitsverhältnisse in der schillernden high-tech Welt nicht als zukunftsweisend, sondern als Rückfall in überwunden geglaubte Zeiten heraus, und unter so manchem neuen Begriff, wie Wissensarbeit oder e-work, wiederholen sich bereits bekannte Debatten.

Die Herausforderung, der sich die Wissenschaft auf diesem Gebiet gegenüber sieht, besteht darin, die tatsächlichen, gravierenden Neuerungen auf dem Gebiet von Arbeit und Beschäftigung nicht zu versäumen, zugleich aber die Kontinuitäten - sowohl in Teilbereichen der Arbeitswelt als auch in den grundlegenden Beziehungsmustern - nicht zu übersehen. In ihrer nunmehr zehnjährigen Forschungsarbeit hat sich die Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt dieser Herausforderung gestellt und versucht, einigen Facetten im Bild der neuen Arbeitswelten klare Konturen zu geben.

Diese Themen möchte ich im Referat mit Forschungsergebnissen aus folgenden Themengebieten illustrieren: Selbstorganisation und Vertrauen in der Arbeitsorganisation und in den betrieblichen Arbeitsbeziehungen; Netzwerke als neue Organisationsmuster wirtschaftlicher Aktivitäten und die Erosion des Normalarbeitsverhältnisses.