Globalisierung der Unsicherheit – oder: warum der Verlust der Normalität die gesellschaftliche Kohäsion bedroht
Birgit MahnkopfEs war ein Irrtum zu glauben, dass die globalen Transformationen, die in Mittel- und Osteuropa besonders tiefgreifend waren, in absehbarer Frist in neuen sozialen Formen münden würden, dass nach dem Kollaps des Realsozialismus und den Auflösungserscheinungen des "Fordismus" eine "postfordistische", marktwirtschaftlich-demokratische Regulationsweise entsteht, die den Menschen in aller Welt "mehr Wohlstand" bringen würde. Was wir heute beobachten können, ist kein stabiles soziales System, wie es der "Fordismus" darstellte, vielmehr eine Vielfalt von Formen und regulierenden Institutionen, die weder kohärent, noch kompatibel sind oder Synergie-Effekte erzeugen. Es gibt nicht nur eine Normalität, sondern deren viele. Dies ist nicht postmoderne Mannigfaltigkeit, sondern Begleiterscheinung sozialer Konvulsion, Ausdruck von sozialer Instabilität und Unsicherheit.
Insbesondere seit Beginn der 90er Jahre wird der Prozess der Globalisierung mit der Zunahme von Unsicherheit in Verbindung gebracht: Im Namen von Deregulierung und Flexibilisierung werden Institutionen, die Ungewissheiten insbesondere des Arbeitsmarktes begrenzen sollten, abgebaut. Dies hat zur Folge, dass die Ungewissheit in Bezug auf das Resultat von Handlungen und die Dauer ihrer Auswirkungen sowohl in der individuellen wie in der kollektiven Perspektive größer wird. Dadurch werden Selbstkontrolle und Selbststeuerung, die wesentliche Elemente individueller Freiheit sind, zum Privileg einer soziologischen Minderheit. Gleichzeitig wächst die Unsicherheit im Hinblick auf Beschäftigung und Lebensunterhalt, Ernährung und Verfügbarkeit lebenswichtiger Ressourcen, weil sich die Kontrolle über entscheidende ökonomische Faktoren von den legitimierten politischen Institutionen auf das freie Spiel der Marktkräfte verschoben hat. Damit verbindet sich die Erfahrung größerer Schutzlosigkeit gegenüber "globalen Sachzwängen".
Dennoch ist die Rückkehr zu einer historisch überwunden geglaubten "Politischen Ökonomie der Unsicherheit", die Folge von Prozessen der Informalisierung von Arbeit, Geld und Politik ist, keineswegs ein Zeichen der Zurückgebliebenheit, sondern ein Ausdruck der Modernisierung und der zunehmenden sozialen Komplexität des globalisierten Kapitalismus.